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Retten statt töten – Das Verhältnis Mensch und Insekt neu gestalten

Zahlreiche Gäste folgten der Einladung von Dr. Hans-Dietrich Reckhaus, Initiator von „Insect Respect“, zum 4. Tag der Insekten in das Umweltforum in Berlin. Das facettenreiche Programm spiegelte die Vielfalt der Insekten wider und dass das Thema deutlich mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik braucht.

Herr Reckhaus machte deutlich, dass seine Passion für den Schutz von Insekten keine verrückte Idee, sondern essenziell für die Menschheit sei. Gemeinsam mit den Schweizer Konzeptkünstlern Frank und Patrik Riklin berichtete er darüber, was ihn als Geschäftsführer eines Schädlingsbekämpfungsherstellers zum Umdenken brachte und wie er sich heute für den Schutz von Insekten einsetzt. Sein neues Denken und Handeln werden auf der Website www.fliegenretten.de dokumentiert.

In ihrem Grußwort wies Sabine Riewenherm, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, darauf hin, dass es ein neues Bewusstsein in der Gesellschaft für notwendige Maßnahmen zum Schutz von Insekten brauche und wiederholtes Verweisen auf bestehende Gesetze zum Artenschutz nicht ausreiche. Artenschutz sei Biodiversitäts- und Klimaschutz. Die Landwirtschaft sei abhängig von der Bestäubung. Doch leider gehe es den Insekten genau dort sehr schlecht. Auch angrenzende Schutzgebiete seien durch Pflanzenschutzmittel und Dünger beeinträchtigt. Eine nachhaltige Landwirtschaft, die auch die wirtschaftlichen Interessen der Landwirte berücksichtige, sei dringend erforderlich. Am Geld hapere der Naturschutz nicht, denn dieses sei vorhanden. Ein zunehmendes Problem stellten vielmehr die fehlenden Flächen für den Naturschutz dar. Somit seien Flächen die neue „Währung“.

Mit ihrem Vortrag „Wir können auch anders“, versuchte Prof. Dr. Maja Göpel, Politökonomin sowie Expertin für Nachhaltigkeitspolitik und Transformationsforschung, die Zuhörer zum Umdenken anzuregen: Das Vermögen der Menschheit liege nicht auf Bankkonten, sondern sei unser Planet, für den wir gute treuhänderische Verwalter sein sollten. Bei dem menschlichen Verlangen nach Versorgungssicherheit sollte nicht vergessen werden, dass Menschen in viele Netzwerke und Ökosysteme eingebettet seien. Nur wenn diese fortbestünden, könne die Versorgungssicherheit weiterhin ermöglicht werden. Oft würden ökonomische und soziale Themen getrennt, obwohl diese unbedingt zusammengehörten. Menschen redeten davon, dass ökologische Ansätze zu teuer seien, statt die vorherrschende Sichtweise radikal zu ändern. Sie appelliert daher auch an die Medien, die meistens eine ungesunde Lebensweise als Normalität verkauften, statt das vorherrschende Narrativ zu ändern. Alternative Ansätze, welche nicht schlechter seien, müssten sich bis heute ständig für ihr Handeln rechtfertigen. Für viele Menschen sei eine Kultur des „Nichthinsehens“ zur Normalität geworden. Dies könne nur geändert werden, wenn die wirtschaftlich dominanten Komponenten in unsere Kultur durch Worte und Taten reduziert würden und andere und neue Sichtweisen stärker in den Fokus geraten würden.

Anschließend berichte Prof. Dr. Josef Settele, Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, aus seiner Arbeit als Mitglied im Sachverständigenrat der IPBES, wie durch globale Verhandlungen etwas für den Schutz von Biodiversität erreicht werden könne. Viele Schutzmaßnahmen klängen trivial und es gebe bereits einen Konsens zwischen vielen Staaten, was getan werden müsse, aber trotzdem mangele es weiterhin an der Umsetzung. Es brauche daher mehr gute Praxisbeispiele. Er fasste einige Kernbotschaften aus einem gemeinsamen Workshop von IPCC und IPBES zu Klimawandel und Biodiversität wie folgt zusammen:

  • Es gibt eine gegenseitige Verstärkung von Klimawandel und Biodiversitätsverlust;

  • Es braucht stärkere Schutzbemühungen für den Erhalt der Biologischen Vielfalt;

  • Schutzgebiete erreichen bereits heute einiges, aber nicht ausreichend, um gute Lebensbedingungen für die vorhandene Vielfalt der Arten zu ermöglichen.

Damit Arten auf den Klimawandel reagieren könnten, bräuchten Insekten Landschaftsstrukturen, mit denen sie über Generationen mitwandern könnten, wobei die Pflanzen sich oft schneller anpassten und wanderten als die Insekten folgen könnten. Auf Rückfrage aus dem Publikum bewertete er die Verhandlungen der COP 15-Weltnaturschutzkonferenz in Montreal als überraschend positiv. Es läge nun an den Nationalstaaten Ergebnisse konkret in ihren Ländern umzusetzen. Dabei brauche es in Deutschland weniger Vorsicht, sondern mehr vorausschauendes Handeln.

Im Austausch mit den Zuhörern ergänzte Prof. Dr. Maja Göpel, dass die Indikatoren für die Wirkung und den Erfolg von Maßnahmen neu zu definieren seien und öffentlich anders dargestellt werden müssten. Dabei könnten auch urbane Räume zukünftig Rückzugsort für Biodiversität sein, aber allgemein sollten Lebensräume neu gedacht werden. Dabei müsse der Weg von der Realität (gemäß der ursprünglichen Wortbedeutung; res= Dinge) hin zur Wirklichkeit (actualitas/ actus= Handeln) beschritten werden.

Nach einer Pause die Zeit zum Vernetzen bot, referierte Dr. Josef Tumbrinck, Sonderbeauftragter Nationales Artenhilfsprogramm des BUNV, wie die Politik den „Armen der Tierwelt (Insekten)“ helfen könne. Dabei betonte auch er, dass es kein Erkenntnisdefizit, sondern ein massives Handlungsdefizit zum Schutz der biologischen Vielfalt gebe. Er sehe jedoch bereits erste Ansätze für eine veränderte Naturschutzpolitik. So würden jetzt nicht nur Modellregionen zum Artenschutz umgesetzt, sondern Projekte auch in der Breite angegangen. Dabei wies er jedoch auf Defizite hin. So würden z.B. in Deutschland weiterhin Pestizide in Schutzgebieten ausgebracht oder von außen durch Drift in diese eingebracht.

Anschließend ging Prof. Dr. Harald Welzer, Professor für Soziologie und Transformationsdesign, noch einen Schritt weiter und postulierte, dass es ein anderes Verhältnis zur Natur brauche. Er betonte, dass es kein Erkenntnisdefizit auf wissenschaftlicher Ebene gebe, sehr wohl aber dafür, wie ein Leben, ohne die Welt zu zerstören, aussehen könne. Ein Hauptproblem sei, dass Nachhaltigkeit und der Schutz der Biodiversität eine geringe Priorität habe und immer zunächst andere Krisen bewältigt werden müssten. Der Alarmismus und die Darstellung von Katastrophenszenarien seien anfangs effektiv gewesen, um auf das Insektensterben hinzuweisen. Nun hätte sich dieser Effekt jedoch psychologisch abgenutzt. Im Denken der Menschen sei bereits eingepreist, dass die Situation schlimmer werde und dass Arten aussterben würden. Es brauche daher ein neues Narrativ, dass nicht vom „wir müssen mal“, sondern vom „wir können bereits“ ausgehe. Wer weiterhin sein gutgemeintes Handeln für die Natur negativ begründe, zementiere nur den Status quo und bewirke oft genau das Gegenteil. Die Gesellschaft – also wir - könne eine neue kapitalistische Marktwirtschaft erfinden, welche nicht zerstörerisch sei. Die Politik mache es jedoch in vielen Bereichen unmöglich nachhaltig zu leben und gleichzeitig gut zu wirtschaften. Daher sollte klar sein, dass bei der Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft nicht alle gewinnen könnten. Auch sei ein Wohlstandsverlust nicht per se schlecht, wenn auf der anderen Seite die Lebensqualität stiege. Es sei daher auch ein Kampf gegen die Privilegien derer, die vom IST-Zustand profitieren. Im Grunde solle das Ziel sein 100% Schutzgebiete für alle Lebewesen zu erreichen, denn eine Quote von 30% Schutzgebieten bedeutet zugleich, dass 70% zerstört werden dürften.

Er zog als Fazit, dass wir in einer Wissensvermeidungsgesellschaft lebten und dringend neue und unkonventionelle Ideen umsetzen müssten.

Nach diesen deutlichen Impulsen gab es am Nachmittag ausreichend Zeit zum Vernetzen und um Ideen weiterzuentwickeln. Dazu wurden acht Projekte zu neuen Lernformaten, Appentwicklung, Dokumentarfilme, Baumhöhlen für die dunkle Honigbiene oder verschiedene Insektenbiotope, vorgestellt und anschließend in kleineren Sessions die Ideen diskutiert und Möglichkeiten der Umsetzung aufgezeigt. Die Initiatoren der verschiedenen Projekte waren alle sehr dankbar für das Feedback.

In den abschließenden Vorträgen von Prof. Dr. Davide Giurato, Professor für Literaturwissenschaften, und von Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, wurde deutlich, dass der Insekten- und Umweltschutz kein Spartenthema von Biologen und Naturschützern, sondern auch für Kulturwissenschaftler interessant ist, sodass sie sich gegenseitig gut ergänzen können. Laut Olaf Zimmermann brauche es unkonventionelle Aktionen, um Menschen zum Handeln zu bewegen. Die Literatur könne der Welt die Augen öffnen und einen neuen Blick und Perspektiven aufzeigen.

„Das, was wir als schön empfinden, bringen wir auch nicht um“.



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